Mann Spiel Mann

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Das Spiel:

Erinnern Sie sich noch an das Kinderspiel, bei dem die Bilder verschiedener Tiere so in drei Teile geschnitten sind, dass Köpfe, Rümpfe und Beine dieser Tiere sich beliebig gegeneinander austauschen lassen? Wollen Sie zum Beispiel ein Kro-gu-fant zusammenlegen, kombinieren Sie einfach den Kopf eines Kro- kodils mit dem Rumpf eines Ja-gu-ars und dem Unterleib eines Ele-fant-en. Das Spiel wäre langweilig, wenn dabei nur Unsinn entstünde. Spannend ist, dass sich die zufällig kombinierten Schnipsel zu neuen, wenn auch vielleicht skurrilen, so doch überzeugenden Tieren zusammenfinden.

Legen Sie sich einen Mann zusammen - so viele Männer wie es Kombinationsmöglichkeiten gibt: 5.153.632 , beschrieben in fünf verschiedenen Kategorien:

A: Wie er aussieht, sich bewegt und seinen Körper hält. Wie er sich kleidet. Wie er wohnt. Wie er mit Drogen umgeht oder mit Sport. (Beispiel)

B: Wie er redet und worüber. Wie er sich in Gesellschaft benimmt. (Beispiel)

C: Wie er seinen Beruf auffasst. Wie er mit Geld umgeht und wie mit seinem Ehrgeiz. (Beispiel)

D: Wie er es mit der Liebe hält. (Beispiel)

E: Welche sexuellen Phantasien er hat. (Beispiel)


A 21

Man wurde gerne den Tick erkennen, mit dem er soviel Unglück auf sich zieht. Vielleicht hat er ja wirklich nur Pech, aber mit irgendetwas muss er das doch auch verdient haben. Dabei ist er nicht ungeschickter als andere, nicht leichtsinniger, nicht schwächer als andere, im Gegenteil. Trotzdem: mag er auch nicht wie ein Tolpatsch wirken, ist er doch immer lädiert wie einer.
Im Winter trug er den Arm in Gips, weil er auf einer Treppe gestolpert war. Das Geländer hatte sich plötzlich gelockert, und das auch noch in einem Amtsgebäude, wohlgemerkt in einem deutschen. Weniger Trainierte als er hätten sich den Hals oder Schlimmeres gebrochen, ihn kostete es nur zwei Monate Arm (und die Gemeinde-Unfallversicherung etwas Schmerzensgeld). Die nächste Entschädigung wurde gleich darauf im Frühjahr fällig: bei den ersten Sonnenstrahlen hatte er, im Stau stehend, den Arm aus dem offenen Wagenfenster hinausgelehnt. Ein Fahrradfahrer, der sich (illegal!) zwischen den beiden Autoreihen hindurchschieben wollte, erwischte ihn, den Arm - umständehalber den linken - mit dem Griff der Bremse: Bruch der Speiche. Das Fahrrad blieb unversehrt.
Auch beim nächsten Unfall traf ihn keine Schuld, sondern der spitze Schuh einer Tanzpartnerin am Knöchel seines linken Fußes. Obwohl dies bei einem freien und nicht bei einem klassischen Tanz geschah - bei einem Walzer wäre ja er für die Tritte der Dame verantwortlich gewesen -, konnte er diesmal schlecht Geld verlangen. Zum Ausgleich blieb sein rechtes Bein das ganze Jahr über unbeschädigt.
Mögen manche Brüche mancher Gliedmaßen einen Mann noch zieren, so schmucken ihn Schwellungen im Gesicht doch wenig. Bei einem Picknick an einem Seeufer, das die anderen Anwesenden für moskitofrei hielten, stachen die Geleugneten ihn als einzigen: einer in die Schlafe, ein anderer unter das Kinn, ein dritter in die Wange. Trotz seiner im allgemeinen guten Konstitution und Wundheilung, entzündeten sich die Stiche in Wange und Schläfe so, dass die Schwellungen fast ineinander übergingen. Tröstlich war nur, dass sie sich immerhin auf eine Gesichtshälfte beschränkten, die linke.
Nachdem schließlich abgeheilt war, was die Biologie ihm zugefügt, wurde ihm die nächste Verletzung von einer physikalischen Anomalie bereitet: die Glühbirne der Lampe über seinem Esstisch zersprang mit einem Knall, der durchaus der Wucht entsprach, mit der einer der Glassplitter durch seine rechte Augenbraue pflügte. Der Prozeß mit dem Hersteller wird irgendwann enden, wahrscheinlich zu seinen Gunsten, die Narbe aber wird bleiben, vielleicht ebenso zu seinen Gunsten: sie wird ihn interessanter aussehen lassen als andere der denkwürdigen Verunstaltungen, die er nicht verdient hat.

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B 3

Im privaten Kreis redet er wie jemand, dem Zeit kein Luxus ist. Nicht unpointiert, aber übergenau in Kleinigkeiten. Als seien in den Kleinigkeiten die eigentlichen Pointen enthalten. Dazu in Parenthesen, Satzsprüngen, Klammern, Fußnoten und Schachtelsätzen.
Wie er die alte Dusche hat erneuern lassen müssen. Es sei ja, vorausgesetzt seine Badegewohnheiten oder vielmehr deren Entwicklung kommunizierten, ohne dass es dazu einer bewussten gesellschaftlichen Absprache bedürfe, sozusagen durch Osmose, mit der allgemeinen Entwicklung der Kultur, unglaublich, dass noch in seiner Kindheit ein Bad pro Woche genügte, er heute aber seine Dusche jeden Tag strapazieren müsse. (Hat sich eigentlich der Geruch der Leute verändert oder der Geruchssinn?) Mit dem Handwerker, dem Sanitäringenieur - sicher auch er kein Techniker mehr, sondern ein immer frisch geduschter Technologe - habe er ja gar nicht reden können. Der habe ihn gar nicht verstanden, sondern ihm gleich eine "Mischbatterie", das muss man sich mal überlegen, als ginge es in der Dusche um Stromspeicherung oder Geschütze, eine "Batterie" empfohlen, was heißt empfohlen, gleich einbauen wollte der die. Aber er kannte die ja von Hotels usw., diese Einarmarmaturen, man kann das kaum aussprechen: Einarmarmaturen, wozu braucht er das denn, was macht er denn unter der Dusche mit der anderen Hand, während er nicht weiß, ob das Ding nach links oder nach rechts gedreht werden muss, um sich zu verbrühen oder sich vor dem kalten Schwall in die Ecke zu drücken, bevor er rausspringt und alles nass macht. Einarmarmaturen! Usw.
Versucht jemand, das Gespräch zu beschleunigen, gar durch direkte oder zudringliche Fragen, beschäftigt ihn deren Struktur und eigentlicher Sinn. Kann er die Frage anerkennen, ist sie also nicht falsch gestellt oder fehl am Platz, beantwortet er sie indirekt, zum Beispiel durch Verweis auf die Begleitumstände seiner Antwort. Es kann ihn überlegen machen, wie er Fragen aufgreift. Die Unsicherheit darüber, ob denn nun die Frage eigentlich beantwortet sei oder nur verschwunden, hat schon manchen ins Grübeln gebracht. Manche glitten gar dahinein, über sich selbst nachzudenken.

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C 8

Was heißt das denn, über Leichen gehen? Die waren doch vorher schon scheintot. Er ist nur sachlich. In seiner Position kann er sieh Verweichlichung nicht leisten, Geschäft bleibt schließlich Geschäft. Optimal, wenn es gegenseitigen Vorteil bringt, und hinzunehmen, wenn der Vorteil auf nur eine Seite fällt, dann aber bittesehr auf seine. Er ist immer korrekt. Wenn sein Gegenüber nicht alle Implikationen des Vertrages überblickt, überrascht ihn das meistens, für ihn waren sie evident. Und für des Geschickes Wechselfälle ist er schließlich nicht verantwortlich. Das Geschäftsleben ist ein Pokerspiel; das sagen alle, die etwas davon verstehen. Er hat es nicht als solches erfunden, und er spielt nicht mit gezinkten Karten.
Außer einem einzigen Mal. Da blieb ihm, wenn er seinen Platz am Tisch behalten wollte, nichts anderes übrig. Er hatte damals mit einem Kollegen einen großen Bericht abzufassen. Sie teilten sich die Arbeit selbst auf und vereinbarten (auf seinen Vorschlag hin), die Autorenschaft für die jeweiligen Teile einzeln und nur das Resümee zusammen zu zeichnen. Niemand sonst im Betrieb kannte die Aufteilung. Als sic den Bericht zusammengestellt und abgegeben hatten, entdeckte er, daß in seinem Teil ein Fehler enthalten war, ein kleiner Fehler, aber mit verhängnisvollen Folgen. Noch bevor nach dem Schuldigen gesucht wurde, gelang es ihm, an den Bericht heranzukommen und ihn so zu manipulieren, daß sein Kollege der Verantwortliche für jenen Teil schien. Der Trick konnte nur gelingen, weil er wußte, daß sein Kollege, wenn auch begabt, so doch ein Chaot war, der Schwierigkeiten hatte, seine Papiere in Ordnung zu halten. Wie oft hatte er selbst unter der Schlamperei des Kollegen zu leiden gehabt. Die Fälschung gluckte so geschickt, daß der Geschädigte noch an ein eigenes Verschulden glaubte, als er bereits aus der Karriere fiel. Nebenbei bedeutete die Rettungsaktion also auch einen Konkurrenten weniger.
Die Erinnerung an den Vorfall nagte an ihm einige Jahre, bis er durch die Indiskretion einer Kollegin erfuhr, mit welch primitiven Mitteln das beklagenswerte Opfer seinerseits versucht hatte, ihn schon vor der Auftragsbearbeitung auszubooten. Im nachhinein erscheint ihm das eigene Verhalten als schiere Notwehr gegen einen unglaublichen Schmutzbuckel: Bevor sie gemeinsam den Bericht verfassen sollten, konkurierten sie miteinander um den Auftrag. Er selbst wußte gar nichts davon, aber sein Gegner wußte es. Dessen unglaublicher Einfall: Ihn mit nächtlichen, wortlosen Telefonanrufen mürbe zu machen. Es hatte wohl so etwas wie die Strategie eines erzwungenen Schlafentzugs mit resultierender Schwächung der Kampfbereitschaft daraus werden sollen. Dieser Ken war nicht mal zu einem simplen Briefing in der Lage.

Er liebt die Spielregeln nicht, braucht sie auch nicht, um sich anzutörnen. Er halt sich lediglich daran, auch an die Waffenbeschränkungen. Ein Beispiel für sein Fairplay: Er steht zu seinem Wort - aber er überlegt es sich, bevor er es gibt. Soll denn der Zweck der Zivilisation die Züchtung von Dummheit sein? Mag die Gesellschaft insgesamt zur Dekadenz übergehen oder nicht, in seinem Betrieb arbeiten vitale Menschen, die mit Kraft ihre Interessen verfolgen. Ihnen wird nichts geschenkt, und deshalb schenken sie sich nichts. Die einen sind damit beschäftigt, ihren Nachwuchs zu verbeißen, die anderen wühlen sich durch die Meute nach vorne. Er konnte sich das auch anders vorstellen, aber das Leben, das ist nicht so, jedenfalls nicht im Beruf.

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D 6

Durch Zufall, oder einer ihm nicht durchschaubaren Regelmäßigkeit zufolge, hat er in letzter Zeit vor allem Frauen mit Kindern kennengelernt. Das Wort "Mütter" fiel ihm erst später dazu ein; es ließ ihn sein Alter spüren. Erst nach einer Reihe vergleichbarer Erlebnisse wurde ihm bewusst, dass diese Frauen, wenn er's recht verstand, ihm gegenüber die Initiative ergriffen hatten,. Maß er diese Erfahrung an den Klagen seiner verheirateten Freunde, die darunter litten, dass von ihren Frauen keinerlei, oder doch viel zu wenig Initiative ausging, ja, dass, wenn es hoch kam, die Männer schon für wohlwollende Antwort dankbar sein durften, so wurden ihm die Familienväter weiter verdächtig.
Das war der Grund, weshalb er nie geheiratet oder sich auf eine sonstwie feste Beziehung eingelassen hatte: bei allen Frauen, die in Frage gekommen wären, war er nach den ersten Wochen sexueller Symmetrie in die Rolle des Verlangenden abgeglitten, dessen einstmals willkommene Heftigkeit des Begehrens seiner Erfüllung nun eher entgegenstand. Das wollte er damals nicht und dachte, es läge an den Frauen.
Er will keine Liebeshändel mehr mit den Müttern von Kindern anderer Männer. Zu sehr sind sie ihm gezeichnet von der Hatz der Brutpflege. Wenn er mit einer Frau die Nacht ver- bringt, soll alles andere, jeder Alltag und jede Erfahrung, außen vor bleiben. Mütter sind zu sehr eingebunden, um so zu vergessen und einfach, nur hier und nur jetzt, da zu sein.
Was ihn erschreckt: in den Klagen der Frauen ist unwiderlegbar enthalten, wie rücksichtslos die Männer ihre Lebensinteressen auf dem Buckel ihrer Frauen austragen. Es ist ihm klar, dass er genauso geworden wäre.

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E 6

Nackt nebeneinander hängen wie zwei Fledermäuse von der Decke einer Höhle, kopfunter.
Und ficken.
Sich in einer Düne aus Blütenstaub wälzen. Pudern.
Halb entblößt vom hastig herausgezerrten Hemd mit dem Rücken auf den Steuerknüppel einer Cesna gedruckt - vögeln.
Auf einem Pferd im Galopp sodomieren.
Im Spiegelrund eines Solarfeldes abheben.
Im Baumhaus während eines tropischen Sturms.
Kopulieren im Brennpunkt einer tosend überfullten Arena. Aneinandergefesselt im Haltezeug eines Flugdrachens.
Auf einer Luftmatraze im warmen, knietiefen Wasser des Balaton bei Sonnenuntergang.
Bei 90 % Luftfeuchtigkeit in dem unklimatisierten Hotelzimmer in New Orleans. Zerrinnen.
Während Bachs Toccata und Fuge durch die silbernen Rohre dröhnen, zwischen den Orgelpfeifen, C-Dur.
Auf einem Mähdrescher, der rüttelnd und stampfend den fruchtgesättigten Staub der Flur über sich wirft.
In Kopfhöhe des Videobildes, das simultan zeigt, wie wir bumsen, während wir uns zusehen, wie wir bumsen, während wir uns zusehen.
Unter der schreienden Vogelwolke des Franz von Assisi.
In dem dampfenden Iglu, der auf einem Eisberg treibt, rotierend vor den Gebirgen Nowaja Semljas.
Auf dem Floß Huckleberry Finns im Hochwasser des Mississippi, während das aufgerissene Wohnzimmer eines Holzhauses vorbeitreibt.
Im Prunkbett eines eidechsengekrönten Maharadschas unter dem Wedeln der Fächer aus Pfauenfedern. Sich begatten.
In dem einen Augenblick, den die Steinreihen von Carnac ihr Geheimnis preisgeben und wieder verschließen.
Jm Coupé eines Krankenwagens, dessen Sirene in den Straßenschluchten widerhallt.

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