Die Verfeinerung (auch als Hörbuch erhältlich)

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I. Der Mann | II. Die Frau | III. Der Freund
IV. Die Stille und die Bewegung


I. Der Mann


ALLES IST REIN FÜR DIE REINEN, DEN BEFLECKTEN ABER UND UNWISSENDEN IST NICHTS REIN, SONDERN BEFLECKT IST IHR SINN UND IHR GEWISSEN.
Apostel Paulus: Brief an Titus

DEM REINEN BLEIBT ALLES REIN,
DEN SCHWEINEN WIRD ALLES SCHWEIN.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra


Nachdem sie wie verabredet dreimal gegen die Tür geklopft und sie dann auf das Zeichen der niedergedrückten Klinke hin langsam geöffnet hatte, trat die Frau ein, drehte sich ohne aufzublicken um, schloß die Tür wieder und blieb mit dem Rücken zum Raum stehen.
"Du hast schnell begriffen", sagte der Mann, "aber du wirst sehen, wie der verbotene Blick deine Empfindlichkeit steigern wird. Was du willst, mußt du dir verschaffen, ohne zu sehen und ohne mich ansehen zu können. Dreh dich um!"
Die Absätze der Schuhe waren so hoch, daß die halbe Drehung fast auf den Zehenspitzen erfolgte; die Streckung der Beine setzte sich bis in den Rücken fort. Die Haare, am gebeugten Kopf nach vorne schwingend, verdeckten die Seiten des Gesichts. Der Mann fuhr mit der Spitze seiner lederüberzogenen Reitgerte, deren Schlaufe lose über seinem Handgelenk lag, zwischen den Haaren hindurch unter das Kinn der Frau, drückte es sanft nach oben, bis sie erhobenen Hauptes vor ihm stand, strich noch einmal leicht über ihre dargebotene Kehle und hob mit der Gerte die Haare auf ihren Rücken.
"Du sollst nur deinen Blick senken", sagte er. "Dein Gesicht will ich jederzeit sehen können. Spreize deine Beine, soweit du kannst!"
Obwohl der enge Rock keine große Spanne zuließ, mußte die Frau, um noch mit der Sohle auftreten zu können, die Fußgelenke etwas nach außen biegen. Die Arme hingen locker neben ihr herab, nur ihren Oberkörper hielt sie starr.
"Zieh den Pullover über den Kopf!"
Sie griff mit überkreuzten Armen nach unten und streifte den Pullover hoch. Als er ihr Gesicht verdeckte, sagte der Mann: "Stop". Ihre Brustwarzen sprangen deutlich vor. Der Mann griff in die gespannte Seide über dem Schritt der Frau und drückte, um ihren Leib zu berühren, so fest gegen den Stoff, daß sie schwankte. Er blieb, die Hand bewegungslos an ihrem Schoß, mit zurückgelehntem Oberkörper stehen und betrachtete die Brüste, den Bauch und den Hals der Frau. Unter der weichen Haut straffte sich ihre Bauchmuskulatur, um die aufrechte Stellung auszubalancieren; ihren Hals überflog eine leichte Röte. Der Mann löste seine Hand, packte mit Daumen und Zeigefinger, als halte er eine Lasche fest, eine Brust und zog die Frau gegen ihren sanften Widerstand, so als verstehe sie die Geste nicht sofort, in die Mitte des Zimmers.
Dort begann er, sie langsam zu umkreisen. Ihr Körper wiegte sich zögernd in den Hüften, etwas nach rechts und dann wieder nach links, als wolle sie seinen Bewegungen folgen. Schließlich blieb der Mann seitlich von ihr stehen und legte die Gerte an ihren Bauch. Die Frau wendete sich deutlich dieser Berührung zu. Er führte die Gerte ihren Körper entlang hoch, hielt im Winkel unter ihren Brüsten leicht inne und strich dann über die beiden Brustwarzen. Der dünner werdende Stiel der Gerte, der vorn in einer Lederlasche endete, balancierte nur noch mit seinem Eigengewicht auf der Brust der Frau und der nun geöffneten Handfläche des Mannes. Als die Gerte wieder langsam nach unten glitt, schabte durch die Atembewegung der Frau die eckige Seitenkante des Leders über die harten Knötchen der erigierten Warze.
"Spürst du, wie pralle Nippel dir dieses Ding macht? Wo es dich berührt, betont es dich", sagte der Mann, der die Hand wieder um den Griff schloß. Er fuhr mit der kleinen Lederfläche wie streichelnd über die Brust, dann über die Schulter, die Konkave des gestreckten Rückens und die anschließende Wölbung entlang über die Oberschenkel bis zu den Kniekehlen und wieder zurück; besonders strich er über die Kurve von Taille und Hüfte.
Der Mann sprach die ganze Zeit, während er die Linien ihres Körpers in sich aufnahm. "Du bist hierher gekommen, um auszuprobieren, wie es ist, eine >Sklavin< zu sein. Du wirst es erfahren. Und du wirst es lernen. Das Wort mag jetzt noch albern klingen - stör dich nicht daran. Das Gefühl der Albernheit ist nur ein erstes Zurückschrecken. Für dich wird herauskommen, daß du eine LEIB-EIGENE" - er betonte die Trennung zwischen den Wörtern - "bist, unfrei durch die Fesseln und entrechtet durch die Schläge, aber das beschreibt dich nicht vollständig. Die vollständige Beschreibung deiner Situation ist die Beschreibung der Situation deines Herrn: Ich kann mit dir machen, was ich will."
Mit einem Mal, während der Frau der Atem stockte, drückte er mit der steifen Elastizität der Gerte fest gegen die Brust der Frau und federte die Gerte schließlich in immer größer werdenden Abständen von ihr weg und wieder zurück, wie einen Trommelschlegel, der beschleunigt. Aus diesem lauter werdenden Tätscheln hieb er mit einer Bewegung, die in der Luft pfiff, quer über den Rücken, auf dem sich später eine kurze, rote Strieme zeigte.
"Wer den Schlag empfängt, ist jenseits irgendeiner Scheu. Wenn du noch nie geschlagen worden bist, oder nur vor langer Zeit in deiner Kindheit - die Wirkung ist auf jeden Fall überraschend. Selbst wenn du Angst hattest, daß es weh tun wird, ist überraschend, daß es weh tut. Die Demütigung, der Schmerz, die Ohnmacht, dein Wille, die Lust, dein Stolz, ausgelöst durch diesen simplen physischen Akt der Kollision, werden dich überraschen. Es entsteht mehr Ernst, als man in den meisten anderen Spielen erreichen kann. Und du bist gefesselt und kannst dich nicht entziehen. Nein, ich berausche mich nicht lediglich an der Verfügbarkeit deines hingestreckten Körpers: ich bemächtige mich deiner Empfindungen.
...

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II. Die Frau


DURCH DIE FRAU KOMMT DIE IDEALITÄT INS LEBEN; WAS IST DER MANN OHNE SIE?
Sören Kierkegaard: Stadien auf dem Weg des Lebens


Sie hatte ihn an dem Halsband auf die Zehenspitzen gezogen und den Haken in die Kette geklinkt, seine gefesselten Hände nur wenig darüber. Ihm den Rücken kehrend, lag sie nun schon seit geraumer Zeit auf dem Bett, zusammengekrümmt, wie sie in seiner Umarmung gelegen hatte, nachdem sie von ihm losgebunden und zum Bett getragen worden war. Manchmal zogen sich ihre Schultern hoch, und es ging ein Schütteln durch ihren Körper, als ob sie lache oder weine. Ohne festen Stand drehte sich der gereckte Körper des Mannes ab und zu mit der Torsion der Kette ein wenig hin und her. Der Halsring zwang ihn, sein Kinn anzuheben. Sein Glied, das sich während des Anlegens der Fesseln - obwohl er gezwungen war, sich unter ihrem Blick die Bänder selbst umzuschnallen - hoch aufgerichtet hatte, war mit der Zeit hinuntergesunken. Er räusperte sich mehrere Male. "Du bist dran, Herrin", sagte er schließlich. Als er keine Antwort bekam außer einem unwilligen Schnauben, versuchte er vergeblich, seine Hände zu befreien. Seine Augen waren verbunden, sein Bauch spannte sich flach unter den Rippen.
Plötzlich brach die Frau in Gelächter aus, erhob sich und setzte sich ihm gegenüber auf. Lange betrachtete sie ihn ohne deutbare Regung. Dann stand sie auf und löste das Tuch von seinen Augen. "Schau mich an", befahl sie, als er den Blick senkte. Er grinste, während sie weiter ernst blieb und ihn musterte. Erst als sein Glied sich zu versteifen begann, lachte sie. "Ja, ja", sagte sie, "ich weiß, Herr, ich weiß."
"Sklave", antwortete er.
"Ich weiß, Sklave. Aber es spielt jetzt keine Rolle."
"Aber du hast mich wie deinen dreckigen Sklaven hier auf- gehängt!" Seine Stimme war zornig. Er zog die Brauen hoch und blickte der Frau in die Augen.
Sie wandte sich ab, ohne jedoch ihren Gesichtsausdruck zu verändern, nahm die Gerte, holte weit aus und ließ sie sausend auf seinen Brustkorb treffen. Beinahe schrie der Mann auf, verbiß sich dann jedoch den Schmerz; daß seine Füße über den Boden schabten, konnte er nicht verhindern. "Widersprich mir nicht", sagte die Frau sanft und drehte ihn am Kinn zu sich. "Schau mich an." Beide musterten sich nun, sie aufmerksam und forschend, er eher unwillig. Als sie die Strieme des ersten Hiebes, die sich schnell rot färbte, zwischen Daumen und Zeigefinger rollte, wechselte seine Miene flüchtig von Ausdruck zu Ausdruck. Schließlich bückte sie sich und berührte die wunde Haut mit ihren Lippen. "Widersprich mir nicht." Der Atem des Mannes beruhigte sich unter den Küssen, mit denen sie die Stelle benetzte.
Sie setzte sich wieder auf das Bett, zog die Beine hoch und ließ ihre Finger sachte über ihren Schoß kreisen.
"Nicht wahr, es hat weh getan?" fragte sie. Der Mann brummte nur, starrte aber in ihren Schoß, der sich unter ihren Fingern manchmal rötlich und schimmernd öffnete.
"Die Wahrheit! Oder, wenn du das besser verstehst: die Wahrheit, Sklave."
"Ja, es hat weh getan." - "Herrin", fügte er hinzu.
"Flüchte nicht in diese Formel. Schmerzt es immer noch?"
"Ja, es schmerzt immer noch. Herrin."
"Nicht", sagte sie leise, stand auf und schlug ihn - diesmal mit der Peitsche, als habe sie nicht extra gewählt - mit mehreren Hieben so heftig auf sein Gesäß und seinen Rücken, daß er aus dem Gleichgewicht geriet. Sie prügelte ihn. Wieder verbiß er sich seine Schreie, jetzt mit deutlicher Anstrengung. Als er jedoch nicht mehr unterdrückbare Anzeichen machte, den Schlägen auszuweichen, hörte sie auf, hielt aber die Peitsche weiter zum Schlag bereit. "Hat es weh getan?" fragte sie wütend.
"Ja, verdammt!" Er konnte nicht verhindern, endlich zu schreien, jedoch im Ton der Wut statt des Schmerzes. Noch einmal öffnete er den Mund, hielt aber dann inne und holte laut Luft.
"Ich weiß nicht, ob deine Wut wirklich größer ist als deine Schmerzen. Nicht wahr, du überlegst, deine Formeln erstmal aufzusparen, statt weitere Schläge zu riskieren? Noch ist ja nichts verloren, du wirst dich wieder fangen. Erstmal wartest du ab, was passiert. Nun gut, du mußt nicht gleich zu Anfang aufgeben. So denkst du doch?"
Er zögerte.
Sie schlug mit dem dicken Stiel der Peitsche auf seine Hüfte, dumpf prallte er auf. "Nicht wahr?" sagte sie leise und nahm sein Glied in die Hand. Der Mann war atemlos. "Nicht wahr?"
"Ich weiß es nicht", stieß er hervor.
"Zeige Gefühle, meinetwegen andere, als du hast, das wird nicht lange vorhalten; selbst falsche Gefühle werden nackter sein als deine Formeln mit >Herr< und >Gebieter< und dem ganzen Getue. Ich will deine Gefühle - auch die verstecktesten. Du wolltest meine Empfindungen, ich will deine Gefühle. - Es hat weh getan?"
Als sie sich auf ihre kurze, gemeinsame Vergangenheit bezog, starrte der Mann wie ungläubig oder erschrocken in ihr Gesicht. Jetzt zögerte er. Endlich, noch bevor die Peitsche ihn traf, stieß er "ja" hervor. Immer noch rang er um das Gleichgewicht und nach Luft. Sein Gesicht hatte sich verzerrt, unentscheidbar, ob vor Selbstbeherrschung oder vor Wut.
"Nicht wahr, es hat weh getan?"
"Ja, verflucht weh, du Mistvieh!" schrie der Mann.
"Gut" sagte die Frau strahlend. "Ganz wunderbar. Du schaffst deiner Wut die Oberhand. Ich mag, wie stark du bist." Sie kniete nieder, umfaßte seinen Hintern mit beiden Händen und liebkoste sein Glied mit ihrem Mund. "Du wirst ein starkes Abenteuer bis zur Wahrheit abgeben. Starke Hindernisse machen die Schätze kostbarer, die sie verbergen. Mich macht geil, wie wunderbar stark du bist. Aber -" hier ließ sie sein Glied hinausgleiten, schaute an ihm hoch und wechselte von dem kosenden zu einem freundlichen, sachlichen Ton: "Aber du wirst natürlich einsehen, daß ich mir nicht gefallen lassen kann, von dir beschimpft oder gar beleidigt zu werden."
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III. Der Freund


ICH WEISS NICHT, OB ES SO IST, AUCH IST MIR MEINE SCHULD GAR NICHT KLAR, NUR WENN ICH MICH MIT DIR VERGLEICHE, TAUCHT MIR ETWAS DERARTIGES AUF, SO, ALS OB WIR UNS BEIDE ZU SEHR, ZU LÄRMEND, ZU KINDISCH, ZU UNERFAHREN BEMÜHT HÄTTEN, UM ETWAS, DAS ZUM BEISPIEL MIT FRIEDAS RUHE, MIT FRIEDAS SACHLICHKEIT LEICHT UND UNMERKLICH ZU GEWINNEN IST, DURCH WEINEN, DURCH KRATZEN, DURCH ZERREN ZU BEKOMMEN - SO, WIE EIN KIND AM TISCHTUCH ZERRT, ABER NICHTS GEWINNT, SONDERN NUR DIE GANZE PRACHT HINUNTERWIRFT UND SIE SICH FÜR IMMER UNERREICHBAR MACHT.
Franz Kafka: Das Schloss


"Komm rein, Peter, gut, daß du gekommen bist. Wärst du nicht im Atelier gewesen, hätte ich es bei dir zu Hause versucht."
"Du bist doch verrückt, weißt du, wie spät es ist? Übrigens
wohne ich nicht mehr zu Hause."
"Habt ihr euch getrennt?"
"Nein, nicht unbedingt"
"Ein anderes Mal. Komm erst mal rein. Du mußt mir helfen." Er nahm den Freund beim Arm und öffnete die Tür zu dem Zimmer.
"Oh, mein Gott", rief Peter und blieb stehen. Gleichzeitig begann die Frau, "Nein" zu schreien, sie wolle das nicht, so sei es nicht verabredet.
"Du mußt nicht gleich theologisch werden", der Mann ließ Peter unter der Tür stehen und trat auf die Frau zu. Sie stand in der Mitte des Raumes, die Beine durch die Stange weit gespreizt, nach vorne gebeugt. Die Haltung wurde dadurch erzwungen, daß ihre Arme hinter dem Rücken gefesselt waren und, von der Kette hochgezogen, ihren Oberkörper nach unten drückten. Ihr Gesäß zuckte, während sie schrie, nach rechts und links, doch erreichte ihre Auflehnung nur, daß die verdrehten Arme noch mehr an den Schultergelenken zerrten. In ihrem Gesäß, das zur Tür hin wies, stak die schwarze Kerze. "Mach mich los, du Schinder. Wage nicht, mich auszuliefern, elender Tyrann! Ich gehöre nur dir, du darfst mich nicht aushändigen", schrie die Frau.
Der Mann tätschelte über ihre Hüfte: "Schau, was ein schönes Stück Fleisch."
"Wer ist das?" fragte Peter.
"Sie ist ein benedeit schönes Stück Fleisch."
"Du bist wirklich verrückt." Peter schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.
"Ich kann dir ein Gutachten vorlegen, das behauptet das Gegenteil."
Peter löste sich von seinem Platz, ging um die Frau herum und bückte sich, um in das Gesicht der noch immer Protestierenden zu sehen. Es war durch die Augenbinde halb verhüllt. Während er sich wieder aufrichtete, zögerte er kurz, und sein Blick blieb einen Moment an den frei hinunterhängenden Brüsten haften, die, durch die Gegenwehr der Frau bewegt, hin- und herschwangen. Wieder rieb er mit der Hand sein Gesicht und knetete seinen Mund. "Mach sie los, das ist ja unerträglich", brummte er.
"Stört dich das Gekeife?" Der Mann schlug mit der Gerte sausend über das zuckende Gesäß. "Ich kann sie knebeln, wenn dir das angenehmer ist."
"Soll ich dich losbinden", fragte Peter die Frau.
"Ja, befreie mich von diesem Ungeheuer. Hab Mitleid mit mir. Er peinigt mich, wie er will." Ihre Stimme schrillte nicht mehr wie bei seinem Eintritt, klang aber noch immer laut und drängend. Peter hob unschlüssig die Hand zu den Haken an der Kette.
"Laß dich von ihrem Theater doch nicht verrückt machen. Hörst du denn nicht, daß es Theater ist?" Der Mann schlug mit der Gerte von unten gegen ihren Leib.
"Du Folterer, du Henkersknecht, an einer wehrlosen Frau vergreifst du dich!"
"Hör auf mit diesem Unsinn! Schlag sie nicht!" rief Peter. Aber er ließ die Fesselhaken los und rieb sich mit den Handballen die Augen.
"Nein, du träumst nicht", lachte der Mann. "Am besten, du trinkst erst einen Kaffee. Setz dich. Hier hast du eine Peitsche; züchtige sie, wenn sie frech wird."
Abwehrend streckte Peter die Hände von sich.
"Ist ja gut, ich hol dir den Kaffee. Guck sie dir inzwischen in Ruhe an, du wirst zugeben müssen, daß sie ein zartes Stück Fleisch ist. Und hör nicht auf ihr Gezeter, sie kann auch anders klingen, winselnd und stöhnend, wenn du willst." Er packte die Kerze und bewegte sie in ihrem Rektum: "Hörst du?"
Peter setzte sich, als der Mann den Raum verlassen hatte, auf das Bett und stützte die Hände neben sich. Die Frau hatte aufgehört zu schreien. Ihr Körper schaukelte an der Kette, die leise klirrte, hin und her. Als der Fremde aufstand, schrie sie auf: "Fassen Sie mich nicht an! Gehen Sie! Gehen Sie weg!"
"Bestimmt nicht", antwortete er beschwichtigend und setzte sich erneut. Er ließ sich auf den Rücken fallen und starrte nach oben. "Bestimmt nicht", sagte er nach einiger Zeit, "ich kenne doch meinen Freund."
Dieser kam zurück und stellte die Kaffeetasse, aus der ein dünner Dampffaden hochstieg, auf der Kruppe der Frau ab. Ihre Schuhe ruckten hörbar über den Boden, aber die Tasse blieb stehen. "Brav." Er trat lachend zu Peter und zog ihn an den Händen hoch.
Peter nahm die Tasse mit dem Unterteller auf und ging um die Frau herum, das Gesicht verziehend, wenn er den heißen Kaffee schlürfte. Manchmal neigte er seinen Oberkörper, um sie besser betrachten zu können. "Das Fuder Champagner", sagte er plötzlich. "Richtig."
"Bei einer Quote von eins zu hundert."
"Eins zu zehn."
"Es war eine theoretische Wette."
"Willst du sie annehmen? Wir sind mitten in der Theorie"
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IV. Die Stille und die Bewegung


AUSSEN IST VIELES ANDERS GEWORDEN. ICH WEISS NICHT WIE. ABER INNEN UND VOR DIR, MEIN GOTT, INNEN VOR DIR, ZUSCHAUER: SIND WIR NICHT OHNE HANDLUNG? WIR ENTDECKEN WOHL, DASS WIR DIE ROLLE NICHT WISSEN, WIR SUCHEN EINEN SPIEGEL, WIR MÖCHTEN ABSCHMINKEN UND DAS FALSCHE ABNEHMEN UND WIRKLICH SEIN. ABER IRGENDWO HAFTET UNS NOCH EIN STÜCK VERKLEIDUNG AN, DAS WIR VERGESSEN. EINE SPUR ÜBERTREIBUNG BLEIBT IN UNSEREN AUGENBRAUEN, WIR MERKEN NICHT, DASS UNSERE MUNDWINKEL VERBOGEN SIND. UND SO GEHEN WIR HERUM, EIN GESPÖTT UND EINE HÄLFTE: WEDER SEIENDER, NOCH SCHAUSPIELER.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge


Es hatte einiger Mühen bedurft, bis er so gefesselt war, wie sie es wollte. Zuerst hatte sie ihm befohlen, sich bäuchlings aufs Bett zu legen, hatte seine Hand- und Fußgelenke gebunden und sie zu den je höchsten Punkten der Messinggestänge gezogen, dann jedoch befunden, das Gestell am Fußende sei zu niedrig, er liege ja mehr als er hänge. Durchhängen solle er aber, durchhängen wie die Beute, die - um einen starken Ast gefesselt - von zwei Eingeborenen geschultert würde, um sie demnächst über einem Feuer zu schwenken; aber nicht mit dem Rücken nach unten wie irgendein Faultier aus dem Eukalyptus, sondern gebunden wie ein Mensch, der ein Bild abgibt und dann ein Fressen. "Du also wirst das Feuer sein", hatte er geantwortet, und sie hatte ihm eine Ohrfeige ins Gesicht gegeben, das zwischen den hochgereckten Armen nach unten hing.
Der Mann war losgemacht und gezwungen worden, das Bett durch den Raum zu wuchten, bis das Fußende an die Kette klirrte. Die Frau hatte ihm bei der Arbeit über seinen gebeugten Rücken und um die Beine geschlagen und ihn angetrieben wie einen Kuli. Dann hatte sie seine Hände an das Bettgestell gebunden wie zuvor, seine Beine aber mit der Stange gespreizt, nach oben gestemmt und an dem höchsten mit ihrer Kraft erreichbaren Kettenglied befestigt. Noch immer war sie unzufrieden. "Du sollst so hoch hängen, daß nicht einmal dein tiefster Punkt, die Spitze deines ausgestreckten Gemächtes, das Bett berührt."
Daraufhin war von dem Mann selbst der dritte Versuch vorgeschlagen worden: Sie solle seine Hände noch einmal losbinden, dann könne sie - wenn sie ihn zum Mitmachen zwinge - seine Beine so hoch strecken, wie sie wolle. Danach erst müßten seine Hände an das Kopfgestell gefesselt werden, dahin werde er sich schon hangeln. Ihre Idee sei gut und richtig, nur die Reihenfolge verkehrt gewesen.
"Sei ruhig", hatte die Frau ihm befohlen, "ich will nicht mehr schlagen." Als aber geschah wie beschrieben, hatte die Frau den Mann mit einigen Stockhieben bis auf die Spitze getrieben.
Nun stützte sich nur noch ein Teil seines Unterleibs auf das Bett, Brust und Glieder waren im Bogen nach oben gezerrt, Gesäß und Schenkel hochgespannt. Die Frau ließ den Rohrstock mehrere Male über die Beine und die Arme bis zum tief-sten Punkt des Rückens rollen.
"Ficken kann ich so nicht", sagte der Mann.
"Eben", erwiderte die Frau.
"Aha."
"Eine Carezza", sagte die Frau. "Für einen Rammler wie dich muß eine Carezza eine ziemliche Zumutung sein. Wage nicht, dich zu bewegen." Sie nahm die Gerte mit dem runden Knauf, schob sie in sein Gesäß und rührte darin.
Der Mann spannte sich so an, daß tatsächlich nur noch sein Glied das Laken berührte. "Bleib so", befahl die Frau und schob sich von der Seite her unter ihn.
Nachdem sie sein Glied eingeführt hatte, löste der Mann seine Anspannung. Der Körper der Frau hatte den Abstand zwischen Hängen und Aufliegen verringert: die Oberschenkel des Mannes lagen den ihren an, sein Bauch ruhte auf ihrem Bauch und sein Oberkörper berührte noch ihre Brüste.
"Hältst du es aus?" fragte sie und strich mit den Fingernägeln an seinen Seiten entlang.
"Ja."
"Bleib so in mir drin; beweg dich nicht; bleib einfach rund und dick in mir drin."
"Ja."
"Ich will dich nicht mehr schlagen, hörst du?" Sie stützte sich hoch und küßte ihn. "Es soll dir nicht wehtun."
Sein Unterleib zuckte.
"Nein", sagte sie sanft und hielt ihn an den Hüften fest, "nicht. Bleib einfach rund und dick in mir drin, bis ich dein Pochen spüre, nichts als dein Pochen."
Sie blieben einige Zeit bewegungslos.
"Es pocht nicht", sagte er.
"Ruhig", murmelte sie und strich mit einer Hand über sein Gesäß zu der Gerte hin. Sachte drückte sie den Griff tiefer hinein und bewegte ihn behutsam auf und ab. "Mach die Augen zu."
Sie legte die Hand zurück auf seine Hüfte. Ihre Brustwarzen versteiften sich.
___

"Spürst du es?" fragte sie.
"Ja."
___

"Hast du Schmerzen?"
"Meine Arme werden taub, die Schultern."
"Aber dein Blut pocht in mir."
"Ja."
"Und deine Haut an meinen Brüsten glüht."
"Ja", sagte der Mann, "ich spüre deine Brüste. Deinen weichen Bauch. Das Widerlager meiner Schwere: die Muschelwölbung."
"Ja."
"Das Pochen deines Schoßes."
"Das Pochen deines Gliedes."
...

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I. Der Mann | II. Die Frau | III. Der Freund
IV. Die Stille und die Bewegung


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