poetry trifft Poesie, Köln 2019

poetry trifft Poesie, Köln 2019

Wieso, worüber und wie Michael Domas schreibt

(Weil er das so oft gefragt wird.)

Ebenso wie dieser Typ im Macbeth bin ich nicht vom Weibe geboren worden und zwar exakt in der Mitte des letzten Jahrhunderts. So fiel die Blüte meiner ersten Mannbarkeit mit den Blüten der 68er – äh – Revolte (?) zusammen, darin aktiver Mitläufer gewesen zu sein also nicht ganz von Ungefähr viele Männer meiner Heldenkollektion in MannSpielMann geprägt hat. Wie einige von diesen gehöre ich heute zum Establishment und lass es mir gutgehen: glücklich verheiratet, zwei freundliche Töchter, eine Katze (ebenfalls weiblich), in den besten Jahren (ich selbst, aber die Katze auch), gesund, versorgt.

Wäre nicht das mit der Schreiberei, hätte so alles seine schönste Ordnung, aber die Entfremdungen des bürgerlichen Lebens, gegen die sich meine Generation während ihrer lang alimentierten Jugend zu verwahren suchte, haben mich inzwischen voll erwischt: Ich muss mich verstellen! In meiner Firma würde ich, gäbe ich denn mein heimliches Laster zu, schlichtweg als Spinner gelten; ein Naturwissenschaftler – denn das habe ich gelernt und verdiene damit mein Brot, und dass es mir gut geht – macht sich verdächtig, wenn er sich allzusehr der Dichtung und Pornografie ergibt. Des gerechten Ausgleichs halber bin ich jedoch auch vielen Künstlern verdächtig, da ich mich so sehr der toten Materie widme.

Um es als Geständnis zu formulieren: Ich habe nicht die geringste Ahnung, weshalb gerade ich, der einen halbwegs klaren Verstand zu pflegen hätte, mich immer wieder dem Laster des Schreibens hingeben muss. („Das Schreiben ist ein süßer, wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, daß es der Lohn für Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehen zu den dunklen Mächten, diese Entfesselung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt.“ Ist das nicht gut? Kafka! So müsste man schreiben können.)

Als Junge, als ich mich an dem Roman „Muck, der Hamster“ versuchte, argwöhnten meine Eltern und die ganze Familie, ich wolle mich wichtig machen mit meinen Geschichten. Gut, das beschreibt offensichtlich einen Charakterzug. (Als Jugendlicher habe ich mir einmal vorgenommen, der uneitelste Mensch der Welt zu werden.) Aber weshalb habe ich nichts anderes zur Wichtigtuerei genommen? Nur weil es mir, was ich Frauen nur sehr ungern gestehe, zum Beispiel an fußballerischen Fähigkeiten gebrach? Dafür hatte ich andere (und stehe ja im Job meinen Mann).

Heute, nachdem ich erfahren habe, was man mir in den 50er Jahren über das Leben verschwiegen hat, weiß ich, weshalb ich schreibe. Nein, weiß ich nicht, aber ich weiß, was passiert, wenn ich schreibe: es ist wie Sex. 1. ein Rausch. 2. ein Abenteuer. 3. habe ich danach das unbedingte Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Zu 1) Ist halt so. Wenn's gut geht (so wie jetzt zum Beispiel, weshalb schreibe ich dieses ganze Gedöns über mich? Für Dich da, Leserin?) – wenn’s gut geht, tut sich eine Schleuse auf, und daraus überschwemmt mich etwas, was mich vollkommen aus Langeweile oder Müdigkeit und allem Alltagsscheiß rausreißt. Es ist ein Fest, eine Orgie, ein Tanz, eine Zeremonie, eine Meditation. Ein Spiel. Es ist wie Sex, ich vergesse alles um mich herum.

Zweitens. Ich weiß nicht, was beim (Ficken?) Schreiben passieren wird. In welche dunklen Gefilde es mich schwemmen wird, welchen (Selbst-) Entdeckungen, Überraschungen und Entwicklungen ich ausgesetzt sein werde. Ein Abenteuer. In Abgründe und Paradiese stürzt es einen. Texte sind geronnene Traumerlebnisse, festgehalten unter angespanntester Wachheit.

Und, anders als beim richtigen Sex – man kann’s danach sogar lesen. Ein Aufzeichnungsgerät bei der Liebe, eine Kamera, wäre nicht nur geschmacklos – und ganz lustig –, sondern würde nichts davon rüberbringen, was eigentlich ablief, guten Sex gibt’s nur live, das Schreiben liefert Konserven. (Was nichts über deren Verfallsdauer sagt. Die hier ist vielleicht schon verdorben, noch bevor sie aufgelesen ist.)

3. habe ich noch immer das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Außerdem war ich einmal glühender Katholik.

Nach diesem und jenem (ich hatte als Jugendlicher ja nicht nur meine, wenn auch texttreibende Pubertät um die Ohren, sondern zudem noch meine naturwissenschaftlichen und mathematischen Begeisterungen) opferte ich dann meine zaghafte literarische Fruchtbarkeit dem Klassenkampf. Gar nicht aus menschheitsfreundlichem Altruismus, sondern aus schierer Selbsterhaltung, einfach zur Psychohygiene, ich war noch zu klein für das eigentliche Abenteuer, ich hatte noch nicht richtig gefickt. Aber auch dazu boten die 68er ja reichlich Gelegenheit. (Möcht heute noch verliebt wie damals sein, aber nicht noch mal 20.) Vor Prüfungen, wenn ich hätte büffeln müssen, schrieb ich manchmal was. Oder Briefe, um Frauen anzumachen.

Mit 39 musste ich mir eingestehen, dass ich’s ziemlich verhunzt hatte mit meiner Schriftstellerei. (Muck, der Hamster ist ein Raub der Flammen geworden. Meine Familie hatte mich zu sehr gekränkt, da wollte ich sie mit der eigenhändigen (! hat Kafka nicht geschafft) Vernichtung meines Manuskripts strafen. Heute ärgere ich mich.) Aber trotz allen Textemangels fühlte ich mich als Schriftsteller. Das ist ein Lebensgefühl, man guckt auf die Dinge, auch auf die eigenen, als seien sie eine Geschichte, die gerade erzählt wird. Schlimm genug, aber ein nichtschreibender Schriftsteller ist ein zum Irrsinn verurteiltes Unding (wieder Kafka).

Ich fand meinen Stoff und schrieb. Wie besessen, DIE VERFEINERUNG. Eine Liebesgeschichte, die sich ganz in körperlichen Gesten und sexueller action abspielt. Und es trieb mich die eine Frage vorwärts, um die es bei Liebesgeschichten geht, auch in der BESTRAFUNG, die Sie nun in Händen halten: Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht? Beide Male wusste ich es bis zum Ende nicht.

Und gigantisch für mich, der ich doch das Schreiben aus mir rausbuddeln und wiederentdecken musste: die Parallelen zwischen dem Vorgang des Erfindens und dem, was in meiner Erzählung geschah. Ein Doppelrausch. Der Mann und die Frau spielten ein SM-Arrangement durch, das war das Richtige, in jeder erdenklichen Hinsicht. Es lieferte genügend viele und genügend dramatische Gesten, die man (verfilmen?) beschreiben konnte, und es ist die theatralischste Form von Sex, SM ist ganz und gar Inszenierung (jedenfalls in der VERFEINERUNG). Ich konnte an einem sexuellen Beispiel aufführen, worum es beim Schreiben (das Sex ist, nämlich Kreativität) geht, um das Spiel von Verstellung und Nacktheit. Mehr dazu werden Sie ja nun von der Frau gelesen haben, der ich MEIN GELIEBTER verdanke, immerhin zwei Plaudereien widmet sie diesem Thema.

Weshalb ich schreibe? Weshalb mache ich Sex? Weil ich etwas bezwecke? Auch. Weil ich etwas mitteilen will? Auch. Aber ich tu’s doch nicht deshalb, sondern einfach weil ich da bin und existiere. Es geschieht mit mir.

Sex, Sex, Sex – let’s talk about crime, DIE WESPEN. Wenn einer ermordet worden ist, das hat was, unzweideutiger kann man einen point of no retourn nicht markieren; es ist etwas geschehen, um das die Erzählung an keiner Stelle herumkommt; ein Mord gibt allem Bedeutung (so wie die Liebe). Mir fiel der Satz „Als Niklas Roth starb, gab es einige in seinem Publikum, die ihm Beifall klatschten.“ ein, und ich wusste sofort, dass ich den Anfang zu einem Krimi in der Hand hielt. Ich bin kein Krimifan, (Kafka allerdings bringt dem jungen Gustav Janouch Dostojewski dadurch nahe, dass er dessen Romane als Krimis anpreist. In den Gesprächen mit Janouch steht auch der Satz: „Die Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein: Das Licht auf dem zurückweichendem Fratzengesicht ist wahr, sonst nichts.“), habe aber vor Krimischreibern größte Hochachtung, so wie ich als Naturwissenschaftler Hochachtung vor Mathematikern habe. Die Story muss aufgehen (wie eine Gleichung!). Das ist für mich, der in einen Tunnel hinein schreibt, schwierig. Nun gehört jedoch die überwiegende Mehrheit selbst der amerikanischen Krimiautoren zu den Tunnelschreibern, nur die Minderheit arbeitet nach den Gebrauchsanweisungen und Konstruktionsdiagrammen eines James N. Frey („Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“). Das ermutigte mich. Und es enthält ja der Satz über Niklas Roth tatsächlich schon die halbe Geschichte: Wieso klatscht ein Publikum Beifall, wenn vor ihm einer stirbt? Weil es nicht sofort versteht, dass Roths Verhalten nicht zu seiner Darbietung gehört, sondern zu seinem Tod. Das nicht verstanden hat es, weil der Tod leise kam, also durch den Pfeil aus einem Blasrohr. Und weil er exakt hinein passte in die Geschichte, aus der Roth gerade vorlas; also zum Beispiel eine Geschichte, in der ein Mann durch einen Stich in den Nacken zu Fall kommt, sagen wir durch einen Insektenstich. Undsoweiter, selbst die Indianer, die schließlich in Kapitel III auftauchen, sind durch den einen Satz vorgegeben.

Meine Texte werden immer von Sätzen gezündet, ein guter Satz ist der Urknall, und wie beim Urknall expandiert der Text nicht in einen vorgegeben Raum hinein, sondern schafft ihn. Ich bin darin nur ein Astronaut auf einer staunenerregenden Expedition. Von manchem, was mir begegnet, weiß ich oft nicht, wozu es da ist und ob es sich wird halten können. Zum Beispiel der Satz, mit dem das erste Kapitel der WESPEN endet: „... und ein einzelner Mann, der einen Namen, Franz Xaver, eine Adresse und ein Geburtsdatum angab, die nicht die seinen waren, aber mit dem Eintrag im Melderegister übereinstimmten.“ Keine Ahnung, was das sollte, der Satz gefiel mir nur so gut. An mehreren Stellen versuchte ich, diesen Mann unterzubringen, hätte dazu aber furchtbare Verrenkungen machen müssen. Ein paar Mal dachte ich, ihn einfach stehen zu lassen, ein paar Mal hab ich ihn gelöscht (und einmal nur mühsam wiedergefunden), denn ich will nicht mit falschen Versprechungen arbeiten. (Ćechov: Wenn im ersten Akt eine Pistole an der Wand hängt, muss sie im dritten auch losgehen.) Und dann, als ich einmal (in Kapitel XI !) eine zusätzliche Figur brauchte ohne zu wissen woher nehmen, kam mir dieser Xaver wie gerufen.

Ein anderes Beispiel für meinen chaotischen „Arbeits“- (Orgien-, Tanz-, Zeremonien-, Meditations)stil: Ich war schon im 8. Kapitel, als mir siedendheiß einfiel, dass ich etwas über die Presseechos auf den Mord schreiben muss, und machte mich fluchend daran, einige Ausgaben von BILD und EXPRESS zu studieren, um deren Schreibstil zu treffen. Erster Lohn der Mühe war der Spaß, den ich in Kapitel IX mit diesem Stil hatte (ich hoffe, man merkt es), zweiter, dass nun die Chancen, den Mord aufzuklären, wesentlich höher wurden.

Denn ich bin die ganze Zeit über nicht viel weiter als der Leser. Einen konkreteren Mordverdacht fasste ich erst, da war ich schon im letzten Drittel, und den Mörder fand ich, so wie Kommissar Schwarzer, erst im vorletzten Kapitel. Darin steht mein Lieblingsabsatz: „Gerade wollte Schwarzer fragen, ob sie vielleicht Zuflucht in der Mühle in der Eifel genommen habe, als Tudor ergänzte: ‘Vielleicht ist sie ans Meer gefahren. Sie liebt das Meer, gerade auch im Winter.’ Das war wörtlich, was Ina Tresch gesagt hatte. ... Nun beeilte Schwarzer sich, seinen Besuch abzubrechen.

Es geht mir wie dem GELIEBTEN, von dem die Erzählerin berichtet, er plane die Liebestreffen bis ins Detail hinein voraus. Nur, sagt sie, würden seine Pläne meistens überflüssig: weil sie nicht mehr in das hinein passen, was sich aus ihnen heraus entwickelt. Immerhin waren dann die Pläne wenigstens als Ideengeber gut, und das soll mir genügen. Ebenso geht es mir mit Abschnitten, die ich vorgreifend notiere und dann mit der Erzählung anzupeilen suche: die meisten schmeiß ich wieder weg, einige muss ich stark verändern, sehr wenige bleiben so stehn, wie sie mir als Ziel vor Augen standen. Am besten klappte das bei dem Rosa-Kapitel, in das ich immer wieder hineingenascht habe, um mir mit der Belohnung zu winken, mich am Ende aller Mühen in seinen Armen zu finden.

Sind Sie enttäuscht, dass ich fast nur Beispiele aus früheren Büchern heranziehe und nichts zu dem neuen sage? Nun, die Plaudereien MEIN GELIEBTER erklären sich von selbst (und enthalten viele Erklärungen). Sie haben kaum einen Plot, sondern es folgt nur ein Satz dem nächsten.

Für DIE BESTRAFUNG habe ich untypischerweise Skizzen machen müssen, nicht um die Übersicht über die Handlungsstränge zu bewahren, das ist ja simpel, sondern um bei deren Verschränkung in Kapitel X, wo alles zusammen aufs Tablett kommt, dafür zu sorgen, dass die einzelnen Zähnchen des Reißverschlusses in der richtigen Reihenfolge ineinandergreifen. Gemessen daran, dass ich DIE BESTRAFUNG als Kurzgeschichte begonnen hatte, ein überraschend komplexes Problem. Wenn sie Ihnen halbwegs gefallen hat, werden Sie das Konstruktions- und Erzählfieber, mit dem Kapitel X geschrieben ist, gespürt haben.

Ich behaupte, dass der Leser die Spannungen zwischen Erzähllust und Erzählfrust voll miterlebt, ja, dass die Atemwechsel des Autors die eigentliche Substanz sind, die gute Bücher ausmacht. Die Geschichten, das, was auf den Zeilen steht, sind nur Medium für das, worum es auch in den anderen Künsten geht: Rhythmus und Harmonie (auch Disharmonie) des atmenden Menschen – Körper. (Nietzsche: „Der Leib ist eine große Vernunft... die sagt nicht Ich, aber tut Ich.“)

Als Naturwissenschaftler weiß ich, wovon ich rede. Ein Anklang von Leiblichkeit findet sich selbst in wissenschaftlichen Artikeln, auch da spürt man Zweifel oder Triumph, Arroganz oder Demut, Lässigkeit oder Anstrengung des Autors, seinen Charakter. Und mögen solche Texte noch so akribisch geplant sein, das Hinschreiben wird ebenso als Akt der Kreativität, (das heißt des Zufließens von außen) erlebt, wie ihn selbst der Federfuchser James N. Frey als notwendig anerkennen muss.

Schluss damit. Über das Schreiben schreiben – weshalb soll das jemanden interessieren? Weil so viele Leute einen Romananfang in der Schublade liegen haben? Oder doch mindestens ein paar Gedichte? Eigentlich finde ich es ungehörig, für eine Erzählung einen Schriftsteller als Hauptfigur zu wählen. Die angegebenen Bücher können Sie ja selber lesen, und ein Schriftsteller darf alles tun, außer langweilen, und über alles schreiben, außer Selbstdarstellungen über 8 Seiten.

Vanitas, vanitatum Vanitas.

Aus „Die Bestrafung“, Michael Domas 2007